Das Deutsche Reinheitsgebot – Yey or Ney? [Kommentar]

Ich glaube es gibt aktuell kaum ein kontroverser diskutiertes Thema in der deutschen Bierlandschaft, als das Reinheitsgebot. Die einen sehen es als unumstößliche Institution an, fast schon als Heiligtum der Biergeschichte. Beiträge und Kommentare dazu sprießen derzeit an allen Ecken des Internets hervor, wie z.B. auch bei der Huffington Post DE. Gerade die alteingesessenen Brauer und Brauereien wettern gegen Craft Bier und „die Folgen der Missachtung des Reinheitsgebots“. Es wird gar die Apokalypse heraufbeschworen, wenn man nicht nach dem Gebot braut. Die anderen sehen es als obsolet an, als Relikt aus längst vergangenen Tagen, das nicht mehr zeitgemäß ist. Wieder anderen ist es schlicht egal, Hauptsache es schmeckt.

Aber fangen wir ganz von Vorne an: Was ist das Reinheitsgebot überhaupt und woher kommt es? In Kurzform gibt es zwei Gründe dafür. Zum einen sollte verhindert werden, dass gepanschtes Bier ausgeschenkt wird, was nur durch Regulierung der Zutaten möglich war. Zum anderen sollten sich aber auch die Brauer und die Müller nicht in die Quere kommen, insbesondere nicht nach einem Jahr mit schlechter Ernte. Daher stammen auch die vorgegebenen Zutaten Wasser, Hopfen, Malz. Natürlich steckt noch viel mehr Geschichte dahinter, denn es durchlief viele Entwicklungen, Veränderungen und galt eigentlich gar nicht für Deutschland, sondern nur für Bayern. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde es zum „Deutschen Reinheitsgebot“ erklärt, zuvor war es lediglich das Bayrische Reinheitsgebot bzw. ein Teil der Bayrischen Landesverordnung. Aber darum geht es hier ja an sich nicht. Die Geschichte kann sich jeder interessierte z.B. auf Wikipedia durchlesen. Aber wenn ich schon höre, wie manch einer sich auf den „500. Geburtstag“ des Reinheitsgebot freut.. sorry Leute, so alt ist es noch nicht. In 400 Jahren reden wir dann noch mal darüber.

3954595841_5f52af371f_oPhoto by Joel Bez on Flickr || CC BY 2.0

Natürlich könnte man jetzt darauf rumreiten, dass die Brauer sich ja an die alte Verordnung von 1516 halten… oder an die Münchner Verordnung von 1478… aber mal im Ernst… wer glaubt bitte daran? Denn laut dem ursprünglichen Gesetzt darf auch keine Hefe beigefügt werden. Die kannte man damals nämlich noch nicht, bzw. war es einfach nicht bekannt, was das genau ist und was sie im Bier macht. Enthalten war sie natürlich trotzdem.

Der Punkt ist ja, dass wir heutzutage eine solche Regulierung nicht mehr brauchen. Jedes Getränk, das im Laden landet, durchläuft eine Lebensmittelprüfung und wird dabei eingehend untersucht. Würde also ein Brauer panschen, würde das Ergebnis daraus nie im Laden landen. Zudem wurde das Reinheitsgebot bereits nahezu vollständig durch das Biersteuergesetz und die Bierverordnung abgelöst. Beide Regelungen sind aber lange nicht mehr so streng wie früher. Einzige Ausnahme sind hier untergärige Biere wie z.B. Weissbier bzw. Weizen – hier gibt es noch recht strenge Auflagen.
Außerdem haben wir mittlerweile, zumindest in den reicheren Ländern, keine Probleme mehr damit dass sich die Müller und Brauer in die Quere kommen – es sind genügend Rohstoffe zu jeder Jahreszeit vorhanden. Den Punkt können wir also auch streichen, wenn es darum geht, ob das Reinheitsgebot noch einen Sinn hat.

Soweit zu den Fakten. Und was denke ich nun darüber? Ganz simpel: Ich halte es für überholt, sinnlos in unserer Zeit. Es war einmal Sinnvoll und sogar notwendig, doch das ist schon lange vorbei. Die Lebensmittelkontrollen, die teils extrem Hohe Qualität der Zutaten und die deutlich besseren Brautechniken gegenüber früher machen es schlicht obsolet. Es wird hauptsächlich noch von den größeren Brauereien als Marketing Instrument genutzt, um den Kunden eine höhere Qualität vorzugaukeln. Doch auch dort wird schon längst nicht mehr nach dem Gebot gebraut. Zusatzstoffe zur Klärung des Biers, zur besseren Schaumbildung, und so weiter werden dort auch schon seit langem eingesetzt. Das ist nichts schlimmes, aber eben auch nicht dem ursprünglichen Gebot entsprechend.

Es hat auch einfach den Prozess der Bierentwicklung in Deutschland verlangsamt, wenn nicht sogar gestoppt. Wir haben eine jahrhundertealte Biertradition in Deutschland, trotzdem hängen wir mittlerweile hinterher was die Vielfalt angeht. Eine Hand voll Biersorten hat sich festgesetzt, die nahezu alle gleich schmecken. Nicht die Sorten untereinander – ein Bock ist natürlich anders als ein Pils – aber wenn ich zwei verschiedene Industrie-Pils trinke ist beides die gleiche gelbe Plörre. Keiner der großen traute sich aus der Reihe zu tanzen, mal was neues zu probieren. Man könnte ja Kunden verlieren. Dabei ist der Deutsche ja prinzipiell „seiner“ Brauerei ähnlich treu wie seinem Fußballclub. Das einzige was sich in letzter Zeit entwickelte: Misch-Bier. Bier mit Cola, Energy-Drinks, Limonade, Saft, whatever. Kurzum: Furchtbares Zeug.

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Mongoliches Bier nach dem Deutschen Reinheitsgebot.. ist klar 😉

Und das, obwohl sich auch innerhalb des Reinheitsgebot hervorragendes und vor allem vielfältiges Bier brauen lässt. Bei mehreren tausend Hopfensorten, Hunderten Malzsorten und zig verschiedener Hefen kann man wunderbar variieren. Ein IPA z.B. kann problemlos innerhalb des Reinheitsgebot gebraut werden. Es kommt nur auf die Hopfenwahl und das Herstellungsverfahren an.

Und wisst ihr, was noch so alles zulässig ist laut „Reinheitsgebot“ (Biersteuergesetz)? Zucker, Farbstoffe, Polyvinylpolypyrrolidon (Ein Polymer zum klären des Bieres), und viele weitere.

Ich bin insgesamt sehr froh, dass es Craft-Brauer gibt, auf das Reinheitsgebot pfeifen und einfach ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Kürzlich hatte ich z.B. ein Kastanien Bier und es war äußerst lecker. Oder auch mit Früchten vergorene Biere statt sich eklig süßen Sirup in die Berliner Weisse zu kippen. Das Ergebnis ist weit besser und lange nicht so süß wie diese Panscherei mit Sirup oder Saft. Denn DAS ist wirklich panschen. Die Weisse hingegen direkt mit Hinbeeren zu vergären ist eine Kunst für sich und ganz sicher keine „Panscherei“, wie es manche heraufbeschwören.

Biere aus natürlichen Zutaten, egal ob nun ausschließlich Hopfen, Malz und Hefe oder mit Kastanien, Beeren oder Wildblumen gebraut, sind mir einfach deutlich lieber als Biere, denen irgendwelche Farbstoffe und Polymere beigesetzt wurden.

So, aber genug zu mir und meiner Meinung. Was sagt ihr zu dem Thema? Lasst mal hören!

Quelle:

Top Image by Thomas Brauner on Flickr CC BY-NC-SA 2.0

2 comments

  • Georg

    Dieses Poly-irgendwas habe ich ja noch nie auf irgendeiner Zutatenliste gelesen…hat dieses Zeug eine E-Nummer, oder ist es einer der „technischen Hilfsstoffe“, die ohne Angabe in das Produkt hineingemogelt werden?

    Nachdem ich in Belgien ein paar meiner absoluten Lieblingsbiere getrunken habe, interessiert das Reinheitsgebot nicht mehr. Wieso soll es denn nicht optional sein, als eine Art Gütesiegel? Wer es mag, kauft gezielt Produkte mit Reinheitssiegel, wer etwas anderes will, eben nicht. Genau so, wie es heute bei Bio-Produkten, dem GVO-frei-Label etc. auch schon ist.

    • Hannes

      Hi Georg,

      es ist ein technischer Hilfsstoff, der nicht aufgeführt werden muss. Ähnlich wie die Hausenblasen, die Guinness zum klären benutzt. Die sind aber wenigstens natürlichen Ursprungs und nicht aus dem Chemiebaukasten.

      Optional ist das Reinheitsgebot ja quasi. Aber für ein echtes Gütesiegel ist es viel zu weit gefasst und viel zu unklar, was es eigentlich ist. Es wird halt statt als Gütesiegel als Merketingsiegel genutzt, da mit dem Begriff fast jeder was anfangen kann. Und es klingt ja auch super, lässt sich also gut verkaufen.

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